SOPHIE

portrait-sophie-rund.pngSophie Muschelknautz ist 57 Jahre alt. Sie engagiert sich bei der „Bosnienhilfe Solln“.

1. Wie geht es Ihnen heute?

Ich bin mit Freude erfüllt! Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wie sich ein Leben ohne Ehrenamt anfühlt, da ich mich schon seit mehr als 20 Jahren in der Flüchtlingshilfe engagiere. Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit, es gehört zum Leben dazu. Es erfüllt mich mit Freude, wenn man jemandem in Not etwas Gutes tun kann.

2. Was haben Sie heute gemacht?

Heute habe ich unsere nächste Reise nach Bosnien vorbereitet. Ich habe die Kinderkleidung, die wir immer mitnehmen, nach Größen sortiert. Dreimal im Jahr fahren wir dahin. Zunächst haben wir Familien, die wir lange Jahre in München betreut haben, und die nach Bosnien zurück mussten, beim Wiederaufbau geholfen. Später hat sich unsere Hilfe auch auf andere Familien konzentriert, auf die wir aufmerksam gemacht wurden. Das Geld, das wir verteilen, stammt hauptsächlich von den Mitgliedern unseres Vereins "Bosnienhilfe Solln". Wir erarbeiten mit den Familien zusammen ein individuelles Konzept, basierend auf der Hilfe zur Selbsthilfe. So haben wir zum Beispiel die Ausbildung eines Kindes finanziert, damit das Kind später eine Arbeit bekommt und die Familie unterstützen kann. Wir haben Tiere gekauft, als Starthilfe für eine Viehzucht, Ställe aufbauen lassen und Landwirtschaftsgeräte finanziert.

3. Was motiviert Sie dieses zu machen?

Diese Familien sind uns im Laufe der Jahre ans Herzen gewachsen. Als die Unterkunft, in der sie in München lebten, geschlossen wurde und bald danach die Rückführung nach Bosnien erfolgte, beschlossen wir sie zu unterstützen und unser Verein in "Bosnienhilfe Solln" umzubenennen.

Wenn wir dort sind, wohnen wir bei einer dieser Familien, und wir werden mit sehr viel Liebe und Respekt behandelt. Diese Menschen sind für uns längst wie eine zweite Familie. Ihre Kraft und ihre Zuversicht helfen uns, unser Leben mit anderen Augen zu sehen und vieles zu relativieren.

4. Was ist Ihr persönlicher und beruflicher Hintergrund?

Ich bin Französin und habe Romanistik mit den Sprachen Französisch und Spanisch in München studiert. Meine Leidenschaft war lange Zeit die Literatur. Ich habe mich nebenbei schon immer für andere stark eingesetzt, es war aber mehr im privaten Bereich.

Erst als ich eine Familie mit zwei Kindern gegründet hatte, kam mir die Idee, etwas ehrenamtliches zu machen, weil man sich dabei seine Zeit gut einteilen kann.

5. Gab es ein besonderes Erlebnis, dass Sie in Ihrer Entscheidung sich zu engagieren geprägt hat?

Als ich erfuhr, dass es eine Flüchtlingsunterkunft bei mir in der Nähe gab, habe ich sie mir bei einem Sommerfest näher angesehen. Es hat mich gleich sehr berührt, zu sehen, dass so viele Familien in Not gleich bei mir um die Ecke lebten. Ich wollte helfen. Eine Woche später gehörte ich schon zur Betreuungsgruppe. Damals hieß der Verein noch "Miteinander leben in Solln".

6. Was können Sie von sich weitergeben?

Meine Gabe zuzuhören, und sich in Menschen anderer Kulturen einfühlen zu können, meine Fähigkeit zur Empathie und mein Durchsetzungsvermögen und Organisationstalent, um Projekte anzustoßen.

7. Was haben Sie durch freiwilliges Engagement gelernt?

Sich Menschen anderer Kulturen zu nähern und ihr Vertrauen zu gewinnen ist für mich das schönste Geschenk. Ich kann von diesen Begegnungen sehr viel lernen, auch dass der Erfolg oft nur in vielen kleinen Schritten kommt. Die Kommunikationsebene ist für mich sehr spannend. Ehrenamtliche leiten funktioniert nicht durch Befehlen, man muss sie zu ihren Handlungen motivieren. Dazu gehört ein respektvolles Miteinander. Das macht die Teamarbeit besonders angenehm. Menschen, die sich freiwillig engagieren, tun das aus Leidenschaft und es ist schön, einer Gruppe von Gleichgesinnten anzugehören. Das verbindet und ganz wichtig : man ist frei zu entscheiden, wo, wann und wie man sich engagiert. Bei der Betreuungsarbeit ist es besonders wichtig, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Man soll nicht für die Menschen entscheiden, sondern sie dazu anleiten, ihre Entscheidungen selbst zu treffen.

8. Laut einer aktuellen Studie sind Menschen, die sich für andere einsetzen, besonders glücklich, was sagen Sie dazu?

Das stimmt. Wenn man sich für andere erfolgreich einsetzt, konzentriert man sich nicht nur auf seine kleine Familiensphäre. Man leistet auch einen positiven gesellschaftlichen Beitrag. Es erfüllt einen mit Freude, wenn man einem Menschen, der alles verloren hat, ein Stück Zuversicht und Hoffnung zurückgeben kann.

9. Was ist Ihr persönlicher Tipp, um glücklich zu sein?

Um glücklich zu sein, muss man sich immer wieder vor Augen führen, was man hat, und es genießen. Dabei ist das Wichtigste die Sicherheit, in der wir leben und der liebevolle Umgang miteinander. Es gibt nichts Schlimmeres als alles verloren zu haben.

Das hat mir der Umgang mit Menschen mit schwerem Schicksal gelehrt.

10. Welche Botschaft möchten Sie weitergeben?

Ein Leben ohne Ehrenamt ist ein armes Leben. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, sich für andere einzusetzen. Nur so bekommt das eigene Leben einen tiefen Sinn. Sich ehrenamtlich zu engagieren gibt einem auch die Möglichkeit, neue soziale Kontakte zu knüpfen und sich einer Gruppe angehörig zu fühlen.

11. Was erwidern Sie Menschen, die behaupten sie hätten keine Zeit, kein Geld, keine Idee oder keine Fähigkeiten, wie Sie sich engagieren sollen.

Jeder kann sich engagieren. Es gibt für jeden Typ Mensch eine geeignete und schöne Aufgabe im ehrenamtlichen Bereich. Dazu braucht man kein Geld, nicht unbedingt viel Zeit und wenn man keine Idee hat, kann man zur Freiwilligenmesse kommen und sich ein Bild über die Vielfalt der Einsatzmöglichkeiten machen .

Das Interview wurde geführt von Sonja Vodicka